Die Erfolgseule

Ich lebe zurzeit in Salzburg, probehalber. Es ist ein Kreativ-Arbeitsurlaub. In dieser Zeit möchte ich ein Drehbuch für eine Lern-DVD schreiben und außerdem mein erstes Buch für die zweite Auflage überarbeiten. Ein strammes Programm. Gleichzeitig will ich aber auch die Stadt genießen, liebe Freunde treffen und neue Ecken entdecken.

Nebenbei lese ich ein Buch und da steht sie wieder, die magische Aussage: „Wer erfolgreich sein will, muss morgens um 6 Uhr mit seinem Tag beginnen!“ Das will ich ja, deshalb stand mein Wecker gestern auch auf 6 Uhr. Als ich das erste Mal richtig wach war und auf die Uhr schaute, war es 7.30 Uhr. Irgendwie habe ich es geschafft, den korrekt eingestellten Wecker im Schlaf auszuschalten. Nach dem ersten Schreck – kurze Beruhigung meiner inneren Stimmen – davon habe ich mehrere und sie sagen alle so ungefähr dasselbe: „So wird das nie etwas.“ Also schnell an den PC. Glücklicherweise sind einige „wichtige“ E-Mails gekommen, das sieht doch schon mal nach Arbeit aus. Aber jetzt geht’s ans Drehbuch – just in diesem Moment kommt eine Anfrage per Skype: „Wollen wir uns auf einen Kaffee treffen?“ Liebend gerne, nur jetzt nicht – ich muss arbeiten – also antworte ich tapfer und diszipliniert: „Ja, gerne, um 17.00 Uhr kann ich mir eine Pause gönnen und stehe für ein Treffen zur Verfügung.“

Also jetzt aber... Um 12.00 Uhr ein innerer stummer Schrei: „Wenn ich hier nicht sofort rauskomme, werde ich hysterisch – Skype an: „Würde gerne jetzt, passt das auch?“ Die positive Antwort kommt sofort und weg bin ich. Nach einem wirklich schönen Nachmittag komme ich zurück – ziemlich müde – und schlafe eine halbe Stunde. 18.30 Uhr, die 2. Hälfte meines Tages beginnt – soll ich jetzt noch arbeiten oder morgen einen neuen Versuch wagen? Der innere Schweinehund wird bezähmt, ich setzte mich an den Schreibtisch und plötzlich flutscht es wie von selbst. Gegen 0.30 Uhr tauche ich aus meinem Flow auf und bin sehr zufrieden, mit dem, was ich geschafft habe. Doch sofort meldet sich eine innere Stimme: „Wer wirklich erfolgreich sein will...“ Was ist nun richtig? Wäre ich viel erfolgreicher, wenn ich schon in der 1. Hälfte meines Tages produktiv tätig gewesen wäre? Wie viel hätte ich geschafft, wenn ich in der 1. und der 2. Hälfte des Tages...? Doppelt so viel...? Da könnte ich ja von den drei Kreativ-Arbeitswochen eine komplette Woche Urlaub machen... Wenn, wenn...

Als moderne Frau frage ich Facebook, also korrekterweise meine „Freunde“: „Gibt es keine erfolgreichen Menschen, die eher abends bis spätabends produktiv sind? Habe ich die falschen Gene oder die falschen Gewohnheiten?“ Die Antworten sind vielfältig und motivierend:

Swanette Kuntze sagt dazu: „Wenn ‚erfolgreiche Menschen’ um 6 loslegen, haben wir schon 10 Stunden Vorsprung.

Astrid M. Barth meint: „Das Ergebnis zählt, liebe Gaby, unabhängig vom Zeitpunkt, also, mach weiter in Deiner kreativen/produktiven Zeit. Gerne abends bzw. in der Nacht, wenn Du wirkungsvoll und erfolgreich bist.

Wolfgang Bönisch: „Erst um 6? Ich hatte einen Mentor, der erklärte 4.30 Uhr als einzig richtige Zeit zum Aufstehen, um erfolgreich zu sein. Und das in der Zeit vor Internet und Social Media.

Zugegeben, das geht jetzt etwas in die falsche Richtung. Doch der überwiegende Teil meiner Facebookfreunde meint: „Finde Deinen Weg, Verallgemeinerungen von echten oder weniger echten Experten helfen gar nichts.“ Das klingt motivierend. Apropos Experten. Was meinen den die Wissenschaftler dazu? Meine Freunde kennen die richtigen Links:

Die Huffington Post schreibt: Arbeiten Sie zu der Tageszeit, die gut für Sie ist.

Viele große Künstler haben gesagt, dass sie entweder in den frühen Morgenstunden oder spätabends am effektivsten arbeiten. „Lolita“-Autor Vladimir Nabokov begann sofort nach dem Aufstehen um 6 Uhr mit dem Schreiben und Frank Lloyd Wright stand immer gegen 3 Uhr morgens auf, arbeitete mehrere Stunden und ging dann wieder ins Bett. Egal wann für sie die richtige Zeit ist, sehr kreative Menschen richten ihren Tag immer nach der effektivsten Arbeitszeit aus. (von Jennifer Burkert) 

CareerBuilder meint dazu: Nachteulen ergreifen häufig Berufe mit hohem Einkommen 

Die Ergebnisse zeigten, dass Spätaufsteher besser bei logisch schlussfolgerndem Denken (induktives Denken) abschnitten, anhand dessen sich gut die allgemeine Intelligenz beurteilen lässt. Weitere gute Nachrichten für Nachteulen: Logisch schlussfolgerndes Denken wird mit innovativem Denken in Verbindung gebracht und wer dies beherrscht, ergreift häufig angesehene Berufe mit einem höheren Einkommen. (von Sepp Krämer)

... Zu den berühmten Nachteulen zählen US-Präsident Barack Obama, der bedeutende Naturforscher Charles Darwin, der britische Staatsmann Winston Churchill, Schriftsteller James Joyce oder „King of Rock ’n’ Roll“ Elvis Presley.

Mit denen in einem Topf, da muss man sich nicht verstecken. Doch was bedeutet das für meinen Alltag oder sogar den Alltag von vielen Menschen?

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Für mich heißt das, dass ich, wenn ich morgens einen wichtigen Termin habe, mein Kunde oder mein Flieger wartet, auch um 6 Uhr oder sogar noch früher aufstehen kann und es auch zuverlässig tue. Langes Jammern und philosophieren hilft da gar nichts. 2004 habe ich es sogar geschafft, als Selbstversuch ein komplettes Jahr um 5 Uhr morgens aufzustehen und bereits um 6 Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Das ist keine Frage von Lerche oder Eule, sondern eine Frage von Disziplin und dem Ehrgeiz, gesteckte Ziele zu erreichen bzw. Notwendigkeiten dann zu erledigen, wenn sie anfallen.

Wenn ich diese Disziplin nicht aufbringe, ist nicht nur der Flieger weg, sondern irgendwann auch meine Kunden, weil sie mich als unzuverlässig empfinden. Auch dass ich selbständig bin, sozusagen mein eigener Chef, nutzt da gar nichts. Ich will in dieser Welt, also in unseren Breitengraden, erfolgreich sein und werde die Regeln der Arbeitswelt sowie die Flugpläne nicht aushebeln können. Das bedeutet für mich, regelmäßig über meinen Schatten zu springen. Aber es gibt Möglichkeiten, zumindest immer wieder einmal nach seinem persönlichen Rhythmus aufzustehen oder den eigenen Tagesablauf entsprechend zu realisieren.

Vor einigen Jahren habe ich Workshops mit dem Titel: „Der Spagat zwischen den beiden Fs (Familie und Firma)“ veranstaltet. Die erste Aufgabe war, eine Art Ist-Analyse eines durchschnittlichen Tages zu erstellen. Ich habe den Teilnehmern Fragen gestellt, wie:
„Neben wem wachen Sie auf?“ 
„Wann stehen Sie morgens auf?“ 
„Was sind die ersten Aufgaben, die Sie erledigen?“ 
Mit solchen und ähnlichen Fragen ging es durch den Tag.

Anschließend sollten die Teilnehmer einen idealen Tag kreieren – keinen Urlaubstag, sondern einen idealen Tag, an dem sie ihren Aufgaben nachgingen, der aber ihren Wünschen und dem persönlichem Rhythmus angepasst war. Und wieder habe ich Fragen gestellt: 

„Auf welche Uhrzeit ist Ihr Wecker gestellt? Was ist Ihr idealer Zeitpunkt, aufzustehen?“ 
„Neben wem wachen Sie auf? Ist das das richtige Gesicht, mit dem Sie Nase an Nase liegen?“ 
„Wie und mit wem werden Sie den Vormittag verbringen?“

Anschließend haben wir die beiden „Pläne“ verglichen. Natürlich lag die Realität oft weit weg vom „idealen“ Tag. Also stellte ich die Frage: „Wenn Sie drei Punkte aus dem idealen Plan auswählen sollten, die drei, die Ihnen am wichtigsten sind, um sie in Ihren Alltag zu integrieren, welche drei Umstände wären das? Und was müssten Sie tun, damit diese Umstände wahr werden?

Nicht bei allen Teilnehmern blieb das eine reine Fiktion. Manche sind über ihren Schatten gesprungen und haben Schritt für Schritt ihren Plan umgesetzt. Bei einigen hat dies auch länger, bis zu zwei oder drei Jahre, gedauert. Andere wiederum planten so, dass die „idealen“ Tage wenigsten mehrmals im Monat Wirklichkeit wurden. Beispielsweise wollte eine Teilnehmerin öfter später aufstehen, als täglich um 6.00 Uhr, da der Tag für sie dann einfach mehr Energie und Freude beinhaltete. Sie sprach mit ihrem Mann darüber und sie einigten sich auf wenigsten zwei Tag in der Woche, an denen er sich darum kümmerte, dass die Kinder rechtzeitig in die Schule kamen. Dieser Workshop war vor 15 Jahren, damals waren Themen wie Homeoffice oder Vertrauensarbeitszeit noch sehr, sehr selten. Heute sind die Chancen viel größer, seinen persönlichen Biorhythmus zu leben. Wichtig dabei sind drei Dinge:

  1. Finde heraus, wann du am effektivsten arbeiten kannst.
  2. Überlege kreativ, wie du diese Arbeitszeit am besten in deinen Alltag integrieren kannst. Dabei sind natürlich auch Gespräche mit „Betroffenen“ wichtig sowie Kompromisse und Teilerfolge.
  3. Verlier dein Ziel nicht aus den Augen und bleibe dran, vor allem schau dabei immer wieder über deinen Tellerrand.

Und ich...? Ich habe jetzt die Möglichkeit, noch mehr als zwei Wochen meinen idealen Tag zu leben und diese hoffentlich sehr positive Erfahrung mit nach München zu nehmen, um vielleicht dann wenigsten zwei Tage in der Woche „ideal“ für mich zu gestalten. Vielleicht sogar mehr. Mal sehen. Ach übrigens, es ist gerade kurz vor 24.00 Uhr, ich bin hellwach und freue mich, Ihnen diese Zeilen schreiben zu können.

Ihre Erfolgseule 

Gaby S. Graupner