Ich wollte zwei Opernkarten verschenken und Sie werden nicht glauben, was als nächstes passierte...

Salzburg, Samstagvormittag im Juli, kurz vor 11.00 Uhr: Meine Freundin und ich gehen zielstrebig zu unserem Kunden, der nicht weit vom Festspielhaus auf uns wartet. Plötzlich läuft eine junge Frau aus dem Festspielhaus (Sommerfestspiele) auf uns zu und drückt mir zwei Opernkarten mit folgenden Worten in die Hand: „Hier, die beiden Karten sind übrig geblieben, es wäre doch schade darum. Überlegen Sie es sich. Die Generalprobe geht in ein paar Minuten los. Die Karten sind kostenlos“, erklärt sie, dreht sich um und verschwindet genauso schnell wieder im Gebäude. Wow! Karten fürs Festspielhaus sind schwer zu bekommen, auch für die Generalprobe, besonders wenn man nicht in Salzburg lebt. Ein echtes Wunder oder zumindest eine wirklich tolle Überraschung.

Was sollen wir tun? Die Versuchung ist groß. Was wohl unser Gesprächspartner sagt, wenn wir ihn kurz anrufen und den Termin um zwei Stunden verschieben? Das können wir nicht machen und die Disziplin siegt. Aber wie meinte die nette junge Dame: „Es wär’ doch schad’ drum.“ Also spielen wir „Weihnachtsengel“. Ich schaue mich um: Wer sollen die Glücklichen sein? Da sehe ich zwischen den vielen Menschen ein älteres Ehepaar, schick in Tracht gekleidet und denke mir: Ältere Leute könnten an einem Samstagvormittag zwei Stunden Zeit haben und auch Lust. Zielstrebig gehe ich mit meinen zwei Karten auf sie zu: „Grüß Gott, ich habe hier zwei Karten für die Oper. Jetzt gleich, für die Generalprobe. Gerne gebe ich sie Ihnen. Sie kosten nix...“, wollte ich sagen. Ich kam nur bis: „...für die Oper“, denn die Frau schnauzte mich hasserfüllt an: „Wir geben Bettlern nichts. Lassen Sie uns in Ruhe. Wir kaufen auch nichts. Verschwinden Sie...“, den Rest höre ich zwar noch, verstehe aber nichts mehr. Es ist, als würde mich ein Blitz treffen und alles versinkt im Nebel. Ich bin getroffen, volle Breitseite. 

In meinem Leben habe ich schon viele „Neins“ erhalten, aber ich kann mich nicht erinnern, dass mich je eines so intensiv und mitten ins Herz getroffen hätte. 

Mein erster Gedanke war: „Ich bin doch keine Bettlerin...“ und meine Freundin, die drei Meter weiter stand, meinte: „Schmeiß die blöden Karten weg“ und schaute dabei genauso schockiert wie ich. 

Sprachlos und wie betäubt ging ich ein paar Meter weiter, die Karten noch immer in der Hand. Währenddessen rückte der große Zeiger der Uhr immer weiter auf die 12 zu.

Aufgeben oder weitermachen? Das war jetzt die Frage.

Doch vorher überlegte ich: Warum hatte die ältere Dame so reagiert? Sah ich aus wie eine Bettlerin? Da ich auf dem Weg zu einem offiziellen Termin war, eher nicht. Haben sie die vielen Bettler, von denen es zugegebenermaßen zur Festspielzeit in Salzburg noch mehr als üblich gibt, so aus ihrer Komfortzone gebracht, dass sie zuerst schoss und dann erst fragte bzw. überlegte, was sie da gerade machte? Und wenn ja, geht man so mit Bettlern um?

Wie es der Zufall will, widmete die FAS am 10. August in ihrer Rubrik „Leben“ eine ganze Seite dem Thema „Bettler“. Ulla, 74 Jahre alt, verkauft in Berlin die „Obdachlosen-Zeitung“ und lebt im Sieben-Sterne-Hotel, in manchen klaren Sommernächten sind es sogar viele Sterne mehr. Sie meint: „Ich weiß, wie ich im Moment lebe. Trotzdem bin ich kein Abschaum und kein Dreck.“ Ich glaube, ich habe ein ganz klein wenig Ahnung bekommen, was sie meint. 

Julia Schaaf, die Autorin des Artikels, schreibt u. a. auch, dass wir dazu neigen, zwischen guten und schlechten Bettlern zu unterscheiden. Tierliebe Menschen geben einem Bettler mit Hund eher etwas. Und wenn einem Rollstuhlfahrer heute das linke Bein fehlt und morgen das rechte, dann wundert man sich zu Recht und zählt ihn eher zu den schlechten. Doch Ferdinand Koller (kath. Religionspädagoge mit einer Magisterarbeit über das Betteln) meint: „Wer bettelt, muss ein bestimmtes Bild erfüllen.“ Marketing beim Betteln – irgendwie logisch. Persönlich bin ich immer wieder erstaunt, wenn ich Menschen über die Bettlerbanden reden höre: „Die werden extra eingeflogen...“, so ist oft das gängige Bild. Ja, mit was? Erste-Klasse-Flugticket? Manchmal habe ich den Eindruck, dass ist die Vorstellung, die viele Gegner der organisierten Bettelei davon haben. Ferdinand Koller ist davon überzeugt: „Wenn jemand auf der Straße sitzt und bettelt, dann braucht er das Geld.“ Das glaube ich auch, jetzt noch mehr als früher, vor meinem Erlebnis – niemand bettelt, weil es ihm Freude macht. Ich glaube sogar, dass gerade bei den sogenannten „Bettlerbanden“, besonders die ganz alten Frauen, nicht immer freiwillig da sitzen. Unter Umständen ist das eine Art „neuer Zwangsprostitution“, aber in keinem Fall ein Grund, diese Menschen herablassend zu behandeln. Niemand muss etwas geben, jeder kann. 

Ich persönlich schau wieder genauer hin, wenn ich einen Bettler sehe. Und egal, ob ich etwas gebe oder nicht, es gibt keinen Grund, diesen Menschen nicht in die Augen zu sehen. Einem Bettler auf Augenhöhe zu begegnen, heißt für mich, mit „nein, danke“ beim Zeitungsverkäufer oder „danke, jetzt nicht“ auf die ausgesprochene Bitte um Geld zu reagieren. Dabei kann man den Menschen anschauen und ein freundliches Gesicht machen, wie wir das auch bei McDonald’s machen, wenn wir gefragt werden, ob wir noch eine Apfeltasche oder einen Kaffee möchten. Die dürfen fragen und ich darf „nein“ sagen. 

Und was wurde aus meinen Opernkarten? Wie hatte die junge Dame aus dem Festspielhaus gemeint: „Wär’ doch schad’ drum...“. Wo sie recht hat, hat sie recht. Ich riss mich zusammen, schüttelte das schmerzende Gefühl ab und meinte zu meiner Freundin: „jetzt, erst recht.“ Wenn die „Alten“ nicht wollen, probieren wir es bei den „Jungen“. Schon erspähte ich ein junges Pärchen. Die beiden waren höchstens 20 Jahre alt und schlendernden Hand in Hand die Straße entlang. Ich ging auf sie zu und meinte: „Ich habe hier zwei Opernkarten, sie kosten nichts und es ist kein Scherz. Aber wenn ihr euch beeilt, könnte ihr die Generalprobe noch sehen.“ Für mich überraschend, meinte der junge Mann: „Ach ja, bitte“ und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Sie nahmen meine Karten und liefen im Dauerlauf Hand in Hand in Richtung des Eingangs zum Festspielhaus. Ein Bild, das sich bei mir eingebrannt hat.

Schattenspringer verlieren nie ihr Ziel aus den Augen und lassen sich auch durch die Meinung anderer nicht von ihrem Weg abbringen. Das wär’ ja noch schöner! Und übrigens, in meiner Welt ist „Bettler“ auch ein Beruf, keiner, den ich gerne ausüben möchte, aber das kann ich auch über andere Berufe sagen, aber eben ein Beruf. Wie sehen Sie das?