Warum manche Menschen fast immer gute Laune haben

Seit längerem veranstalte ich Stand-up-Vorträge, ich gestalte meinen Vortrag mittels den Begriffen und Fragen, die mir meine Zuhörer zuwerfen. Letzte Woche kam von einer Zuhörerin die Frage: „Wie gehen Schattenspringer mit der Erwartungshaltung um?“ Eine Erwartungshaltung haben wir immer dann, wenn wir das Ergebnis noch nicht wissen. 

Vor einiger Zeit war ich mit einem sehr lieben Menschen unterwegs zum Flughafen. Wir waren sehr spät dran und es drohte die Gefahr, dass mein Fahrgast seinen Flug versäumen könnte. Ich fuhr so schnell ich konnte und es erlaubt war, plus 20 km/h. Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich Richtung Abflugzeit. Kleine Staus verhinderten das Vorwärtskommen und natürlich waren alle Ampeln auf Rot geschaltet. Mein Fahrgast regte sich von Minute zu Minute mehr auf. Er fluchte und jammerte vor sich hin. Jetzt muss man wissen, dass das Flugziel San Francisco in Kalifornien war, mit einmal Umsteigen in London. Mein Fahrgast hat auch einen „Lieblingsplatz“ im Flieger: Business-Class 64 K – er ist sehr groß und breit und dieser Platz hilft ihm, lange Flüge gut zu überstehen.  

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Er fing an, sich das Szenario, dass er den Flieger versäumen könnte und die Folgen, die daraus entstehen würden, in den schwärzesten Farben auszumalen: „Ich werde den Flieger versäumen. Und was noch viel schlimmer ist: Auch den in London. Im nächsten Flieger ist mein Platz schon längst vergeben und sicherlich nur noch ein Mittelplatz frei.“ Wenn ich einen anderen Flieger nehme, geht sicherlich auch mein Gepäck wieder verloren. Ich komme zu spät zu meinem ersten Geschäftstermin in San Francisco. Wir werden den Auftrag verlieren...“ 

So ging es minutenlang weiter. Bis mir der Kragen platzte und ich losschimpfte: „Wir wissen nicht, ob wir den Flieger noch schaffen. Aber stell’ Dir doch einfach vor, Du bekommst ihn in allerletzter Minute. Am Schalter nehmen sie Dir gleich Dein Gepäck ab. Sie bringen Dich mit dem großen Koffer durch die Security und dann direkt zum Flugzeug. Dein Platz ist bereits vergeben und deshalb bekommst Du ein Upgrade in die erste Klasse. Dort hast Du allen Platz der Welt, kannst aus einer Menü-Karte Dein Abendessen wählen und in London wirst Du direkt auf Deinen Erster-Klasse-Sitzplatz geführt, ohne Warteschlangen und ohne anstehen zu müssen.“ 

Etwas verblüfft hielt der ansonsten liebe Mensch neben mir inne und meinte dann: „Das passiert bestimmt nicht.“ Meine Antwort: „Das wissen wir beide nicht. Vielleicht hast du Recht, vielleicht habe ich Recht. Und unter Umständen kommt es ganz anders als wir beide uns das nun im tiefsten Schwarz oder in den schönsten Regenbogenfarben ausmalen.“

Es gibt nur eine Sache, die wir beide auf dieser Fahrt wussten. Den Flieger zu erreichen, wird knapp. Die Fahrt dorthin dauert aber insgesamt mindestens 45 Minuten, wenn es halbwegs flüssig läuft. Diese Erwartungszeit können wir jetzt mit Schwarzmalerei zum Höllentrip machen oder mit Regenbogenfarben Fantasieszenarien entstehen lassen. Letzteres ist bedeutend angenehmer. Es hat sicherlich keinen Einfluss auf das Ergebnis am Ziel, aber so hat zumindest die Anreise Spaß gemacht und war unterhaltsam, was uns schon viel besser gelaunt mit der tatsächlichen Sachlage am Flughafen umgehen lassen wird. 

Nach 50 Minuten kamen wir zumindest wohlbehalten und schon etwas besser gelaunt am Flughafen an. Mein Fahrgast stürzte aus dem Auto, schnappte sich den Koffer und lief im Laufschritt zum British Airways-Schalter.

Ich fuhr derweilen zu meinem nächsten Termin. Zwanzig Minuten später kam ich gerade dort an, als mein Handy einen Signalton erklingen ließ. Ich schaute drauf und da stand nur ein Wort: „Upgrade!“

Da musste ich dann doch schmunzeln und freute mich von Herzen für meinen schwarzmalenden Fahrgast. 

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Nein, ich glaube nicht, dass das positive Denken irgendeine Entscheidung des Flugpersonals beeinflusst hat, gerade meinen Fahrgast als Fluggast upzugraden. Es war auch in den letzten Jahren, er fliegt oft mehrmals im Jahr nach Amerika, das einzige Mal, dass er die erste Klasse als Überraschung bekam. Doch ich bin davon überzeugt, dass es Sinn macht, die „Wartezeit“ zwischen jetzt und einem kommenden Ereignis mit positiven Gedanken zu überbrücken. Es tut unserer Gesundheit und unserer Seele gut. Und diese positive Nutzung der Wartezeit hat später auch einen Einfluss auf das tatsächliche Ereignis. Denn egal wie es kommt, am Ende entscheide ich, wie ich die stattfindenden Tatsachen bewerte und mit ihnen umgehe. 

Eine positive Grundhaltung wird mir helfen Lösungswege zu finden, wenn zum Beispiel der Flieger wirklich weg gewesen wäre. Es wird mir helfen, mit dem Flugpersonal wenigsten neutral, wenn nicht sogar positiv umzugehen und somit den Bodenstewardessen die Möglichkeit zu geben, die beste Möglichkeit der Weiterreise für mich zu finden. Manchmal muss man seiner Umwelt auch die Chance geben, das Beste für uns in die Wege zu leiten. Das geht nicht, wenn wir mit großen Kanonenkugeln um uns schießen, nur weil unsere Schwarzmalerei uns bereits so verärgert hat, dass ein vernünftiger Umgang mit uns nur noch schwer möglich wäre. 

Wir wissen nie, wie eine Sache für uns ausgehen wird. Aber wir wissen sicher, wie die Zeit bis zum Eintreffen des Ereignisses sinnvoll genutzt werden kann. Damit haben wir zu jederzeit einen positiven Einfluss auf unsere Erwartungshaltung und letztendlich auch auf das tatsächliche Ergebnis. Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten.