Das „Ja“, das eigentlich ein „Nein“ ist

Kommen Sie manchmal nach Hause und Ihr Lebenspartner oder Ihr Spiegelbild fragt: „Wie konntest Du nur ...“ zusagen, dass Du bei einem Umzug mithilfst, länger im Büro bleibst, um einen Vertragsentwurf fertig zu machen oder ausnahmsweise schon dieses Wochenende den ‚Oma-Hunde-Babysitter-Dienst’ übernimmst, obwohl Du erst nächstes Wochenende dran gewesen wärst?“ 

Was antworten Sie auf die Frage: „Wie konntest Du nur...?“ Merken Sie oft, dass Sie nicht wirklich eine Antwort haben? Dass Sie eigentlich „nein“ sagen wollten, aber gar nicht richtig denken konnten. Vielleicht weil ein Teil von Ihnen mit einer ganz anderen Aufgabe beschäftigt war und Sie nicht wirklich zugehört hatten. Oder weil Sie einen enormen Druck spürten, den die oder der Fragende auf Sie ausübte? Unter Umständen war dieser Druck gar nicht beabsichtigt, das änderte aber nichts daran, dass er da war.

Kopfnicken, damit man sich besser konzentrieren kann?

Vor vielen Jahren hatte ich dieses Problem auch immer wieder. Hinter den Casus knacksus kam ich durch meine Kinder. Damals hatte ich mein Büro noch in unserem Haus, um wenigsten ein Auge auf die Kinder werfen zu können, wenn diese vom Kindergarten oder Hort nach Hause kamen. Außerdem gab es festgelegte Uhrzeiten, zu denen die Kinder zu Hause sein sollten. Gerade im Sommer, wenn schönes Wetter war, wollten die Kinder gerne mal eine Stunde länger draußen bleiben. Ich war in meinem Büro aktiv damit beschäftigt, telefonischen Vertrieb zu machen, also sehr häufig am Telefon. Immer, wenn ich gerade besonders intensiv mit einem Kunden sprach, stand ein Kind im Türrahmen und fragte flüsternd aber hartnäckig, ob sie eine Stunde länger draußen bleiben konnten. Obwohl ich eigentlich nicht so wirklich verstand, worum es ging, nickte ich irgendwann mit dem Kopf, schon allein deshalb, damit ich mich wieder ungestört dem Telefonat widmen konnte. 

Irgendwann um 18.00 Uhr herum verließ ich mein Büro, ging in die Küche, um Abendbrot zu machen und wer war nicht da? Die Kinder. Gut, es war hell, es war warm und wir wohnten in einer netten Gegend, also kein Grund zur Panik und irgendwie konnte ich mich auch dunkel daran erinnern, dass ja eines der Kinder vorhin oben im Büro etwas gefragt hatte. Gegen 19.00 Uhr trotteten dann, frisch vergnügt, alle drei in die Küche. Nach meiner Schimpftirade, von wegen eine Stunde zu spät, schauten sie mich unschuldig an und meinten: „Du hast es uns erlaubt.“ 

So weit, so gut. Spannend war nur, dass mir irgendwann auffiel, dass sie mich nie fragten, wenn ich gerade nicht am Telefon sprach, sondern nur dann. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es einige Zeit dauerte, bis ich das System erkannte. Doch dann gab es eine klare Anweisung: Wer mich noch einmal wegen längeren Ausgangszeiten während eines Telefonates fragte, hatte am nächsten Wochenende mindestens einen Tag Hausarrest und siehe da, schon war das Problem gelöst. 

Zwischen Tür und Angel, ein beliebter Ort, um Fragen zu stellen

Wirklich interessant jedoch war, dass dieses zwischen Tür und Angel gefragt zu werden, während ich in einer Stresssituation war, auch von Erwachsenen gerne angewandt wurde. Da gab es eine Tante, die das gerne so machte, auch ein befreundetes Ehepaar und eine Nachbarin waren da sehr geübt. 

Da ich denen schlecht mit Hausarrest drohen konnte, musste eine andere Lösung her. Besonders, da „nein“ zu sagen, sowieso nicht zu meinen größten Stärken zählte. Die gute Nachricht ist, dass niemand mit dieser Schwäche alleine ist. Untersuchungen haben ergeben, dass es 61 % der Frauen schwerfällt, bei Freunden „nein“ zu sagen und 57 % der Männer. Des Weiteren können 36 % der Männer schlecht bei ihrem Chef „nein“ sagen und 47 % der Frauen. Beim eigenen Lebenspartner sagen 46 % der Frauen sehr ungern „nein“ und 52 % der Männer. Beide Geschlechter haben übrigens in 14 % der Fälle große Probleme, „nein“ zum eigenen Hund zu sagen. 

Weshalb fällt es uns so schwer, „nein“ zu sagen? Sicherlich hauptsächlich deshalb, weil wir „gemocht“ werden wollen. Nicht nur das, wir wollen nicht von irgendetwas ausgeschlossen werden. Es ist uns wichtig, Teil einer Gemeinschaft zu sein, egal, ob es dabei um die Kollegenschaft, den Freundeskreis oder die eigene Familie geht. Wenn wir „nein“ zu etwas sagen, besteht die Möglichkeit, dass wir ausgeschlossen werden, zumindest befürchten wir dies und deshalb sagen wir schon mal „ja“, obwohl wir „nein“ meinen. Doch es gibt einen Zeitpunkt, ab dem fällt es Frauen wie Männern leichter, ihrer Umwelt gegenüber „nein“ zu sagen, nämlich ab dem 60. Lebensjahr. Wahrscheinlich, weil jetzt die verbleibende Lebenszeit schwerer wiegt, als überall dabei zu sein. 

Der zweite Grund, weshalb es uns oft schwerfällt, „nein“ zu sagen, ist, dass wir häufig im ungünstigsten Moment gefragt werden, wenn wir nicht wirklich klar darüber nachdenken können, welche Folgen ein „ja“ jetzt für uns hat. Interessanterweise haben einige Menschen in unserer Umgebung einen gesunden Instinkt dafür, genauso wie damals meine Kinder, wann wir in dieser Zwickmühle stecken. 

Das Modell „böser Dritter“

Dagegen hilft nur eines, das Modell „böser Dritter“. Das bedeutet, wir müssen Zeit für unsere Antwort gewinnen. Erst, wenn wir in Ruhe darüber nachgedacht haben, können wir gegebenenfalls aus freien Stücken und mit dem echten Bedürfnis, behilflich sein zu wollen, „ja“ sagen. Als „böser Dritter“ dienen alle Menschen, die offensichtlich nicht sofort greifbar sind. In der Firma unser Lebenspartner, in der Familie die Kollegen oder der Chef und in unserem Freundeskreis einer von beiden. Doch was machen wir, wenn wir in diesem Moment nicht auf einen „bösen Dritten“ zurückgreifen können, entweder, weil unser Lebenspartner direkt neben uns steht oder weil es einen solchen schlichtweg nicht gibt?

Dieses Modell „böser Dritter“ funktioniert auch mit nichtmenschlichen Objekten, wie zum Beispiel einem Terminkalender. Hier würde die Aussage dann lauten: „Gib mir etwas Zeit, ich will erst in meinen Kalender schauen, nicht dass ich bereits einen anderen Termin vereinbart habe.“ Fortgeschrittene schaffen es auch ohne „bösen Dritten“ sich Zeit für die Überlegung zu nehmen. Hier reicht der Satz: „Gib mir bitte zehn Minuten Zeit, um zu klären ob ich kann. Ich melde mich gleich bei Dir.“

Gerade der zweite Satz ist für all diejenigen sehr wichtig, die nicht klar denken können, wenn sie unter Beobachtung des Fragenden stehen. Das müssen Sie aber nicht, Sie haben jederzeit das Recht, aus dieser Beobachtung herauszugehen, um in Ruhe alle Eventualitäten abwägen zu können und sich dann zu entscheiden. 

Nehmen Sie sich diese wichtige persönliche Freiheit. Das kleine Wörtchen „nein“ hat in unserem Alltag eine große Wirkung, besonders auf unser Wohlbefinden und damit letztendlich auf unsere Gesundheit. Der richtige Umgang damit, ist eine große Unterstützung, um unser Leben erfolgreicher zu gestalten. Es hilft uns, mit unseren persönlichen Ressourcen nachhaltiger zu haushalten. Es gibt uns Raum für unsere wichtigen persönlichen Freiheiten. Sie haben ein Recht auf ein „Nein“ und Sie können jederzeit ein „Ja“ verschenken. Haben Sie den Mut, deutliche Grenzen zu ziehen. Sie werden und bleiben für Ihre Umwelt dadurch ausgeglichener! Wagen Sie einen Schattensprung aus Verpflichtungen, die Sie krank oder unglücklich machen. 

Ihre 

Gaby S. Graupner