Jetzt sind Sie dran! Ersetzt durch eine Maschine

„Die Schule macht unsere Kinder dumm“ oder „Lerne fürs Leben und nicht für die Schule“, so oder so ähnlich lauten immer wieder dickgedruckte Überschriften, wenn die eine oder andere Zeitung über unser Schulsystem schreibt. Stimmt das? Und wenn ja, welchen Einfluss hätte dies auf unser heutiges Leben, besonders am Arbeitsplatz?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wo die Lernmethoden mit denen wir und unsere Kinder in der Schule ausgebildet wurden, herkommen? Dann geht es Ihnen so, wie dem Erziehungs-wissenschaftler Sugata Mitra (indischer Bildungswissenschaftler und Informatiker), er fand heraus, dass die heutigen Lernmethoden ihren Ursprung in dem letzten und größten Weltreich auf diesem Planeten, dem britischen Empire haben. 

Damals wurde ein globaler „Computer“ aus Menschen geschaffen, den es heute noch gibt. Er wird als bürokratischer Verwaltungsapparat bezeichnet. Damit dieser Verwaltungsapparat am Leben erhalten werden konnte, musste ein zweiter „Computer“ geschaffen werden, der diese Menschen „erzeugte“ und zwar die Schule. Die Schule sollte Menschen hervorbringen, die später Rädchen im bürokratischen Verwaltungsapparat werden würden. 

Die Gefahren einer schönen Handschrift

Dazu mussten die Individuen drei Dinge können: Sie sollten eine schöne Handschrift haben, weil alle Daten mit der Hand geschrieben wurden, lesen können und in der Lage sein, im Kopf zu multiplizieren, zu dividieren, zu addieren und zu subtrahieren. Das mussten alle Schüler und spätere Mitarbeiter im großen Verwaltungsapparat so beherrschen, dass sie jederzeit austauschbar waren, sogar global, wenn nötig. 

Damals gab es keine Computer, die Verwaltung von Systemen wurde von Menschen übernommen und damit war diese Form der Ausbildung genau die richtige. Mitra sagt deshalb: „Die Menschen der viktorianischen Epoche waren großartige Ingenieure. Sie entwickelten ein System, das so robust war, dass es noch heute fortbesteht und ständig weiter austauschbare Menschen hervorbringt, für einen Apparat, der nicht mehr existiert! Heute sind es Computer, die die Verwaltungsarbeit erledigen. Diese gibt es zu Tausenden in Büros. Gegenwärtig braucht man Leute, die diese Computer anleiten, ihren Bürojob zu erledigen. Sie müssen keine schöne Handschrift mehr haben. Sie müssen keine Zahlen im Kopf multiplizieren können. Aber sie müssen lesen können – und zwar so, dass sie die gelesenen Texte auch verstehen." Soweit Sugata Mitra (Auszug aus dem Buch: The Second Machine Age von E. Brynjolfsson).

Vor ein paar Tagen meinte einer meiner Kollegen: „Am Arbeitsplatz machen 80 % der Menschen ausschließlich das, was sie können.“ Nicht mehr und nicht weniger. Sie bewegen sich lediglich in ihren Routinen. Immer wieder lesen wir, hören wir und werden wir aufgefordert, über den Tellerrand hinauszuschauen. „Out of the box“ zu denken oder wie ich dieses Jahr auf einem Bürgersteig in Washington gelesen habe: „Eine Meile extra zu gehen.“ Das ist nicht so einfach, bei unserer Prägung. 

Die Anstalt in der wir alle waren...

Die meisten von uns waren zwischen neun und dreizehn Jahren in der Fehlersuchanstalt. Jedes Mal, wenn wir uns getraut haben, etwas anders zu machen, als es unsere Lehrer vorgeschrieben haben, war es falsch. Jeder Output von uns wurde daraufhin untersucht, ob er der Norm entsprach und wenn nicht, wurde der Ausreißer im günstigsten Fall dick rot und mit vielen Ausrufezeichen markiert. Gelegentlich wurden unsere „kreativen“ Lösungen aber auch zur allgemeinen Belustigung an den Pranger gestellt und kräftig belächelt oder als dumm bezeichnet.

Das hat uns geprägt und sehr vorsichtig gemacht. Beinahe jede unserer Bewegungen wird vorher daraufhin überprüft, ob jemand einen Fehler finden könnte, ob wir aus der Norm herausfallen, ob wir aus der Masse auftauchen und wieder belächelt werden. Bloß das nicht! Die Wunden, die wir uns in der Schule zugezogen haben, sind nur notdürftig verheilt, jederzeit bereit, wieder aufzubrechen. 

Doch was können wir tun, um aus diesem Korsett auszubrechen? Wie können wir, unsere Kollegen, unsere Mitarbeiter und unsere Teilnehmer lernen, sich wieder etwas zu trauen, die Routinen den Computern zu überlassen und selbst stetig daran zu arbeiten, Prozesse, Gewohnheiten und Vorgänge zu verbessern? Sicherlich nicht, indem wir tagein und tagaus immer die gleichen Gedanken haben, dieselben Abläufe durchführen und uns gefahrlos auf ausgetretenen Pfaden bewegen. 

Eine Routine zu verlassen, beinhaltet die Möglichkeit, Fehler zu machen, aber sie gibt uns auch die Chance, etwas schneller, besser, direkter oder erfolgreicher zu erledigen. Unabhängig davon, wie Sie „erfolgreicher“ definieren. Gerade in meinen Trainings höre ich immer wieder Sätze wie:

„Das geht bei mir nicht...“
„Meine Kollegen, Chefs oder Schreibtischnachbarn machen es aber anders.“
„Das funktioniert nicht...“

Ich probiere es, aber...

Aber auch Sätze wie: „Ich probiere es nur, wenn Sie mir jeden Zentimeter genau vorgeben, damit ich es dann auch richtig mache.“ Das dient dann später als gute Grundlage, wenn es nicht wie gewünscht klappt, um bei Gesprächen mit den Chefs sagen zu können: „Die Trainerin hat es so gesagt...“ Im Stillen denke ich mir oft: „...und ich habe somit keinerlei Verantwortung für mein handeln.“ Andererseits ist es ein Anfang, bedeutet es doch, dass der Teilnehmer seine Routine mit meiner Routine tauscht. Aber Routine ist Routine. Meine Hinweise und Beispiele sollten als Impulse gesehen werden, nicht als Schichtwechsel von einer Routine zur nächsten. 

Doch wie kommen wir heraus aus diesen Gewohnheiten? Eine Teilnehmerin vom vergangenen Wochenende erzählte, dass sie seit Jahren jedes Jahr eine große Herausforderung annimmt: zum Beispiel drei Monate nur vegan zu essen oder sechs Wochen nur mit dem Rad zu fahren, egal wohin – oder sechs Monate jeden Morgen eine Stunde zu laufen oder einen Monat lang jeden Tag eine andere Strecke zum Büro zu nehmen oder zehn Wochen täglich zehn Menschen zu loben, davon drei ihr gänzlich unbekannte. 

Meine persönlichen Challenges waren u.a.: ein Jahr kein Fleisch zu essen, ein Jahr jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen oder einige Wochen immer mit einem Lächeln auf den Lippen herumzulaufen. Egal wo und egal wie es mir wirklich ging. 

Sie sind die beste Lösung

Ist diese Teilnehmerin ein besserer Mensch? Bin ich jetzt etwas Besonderes? Nein, ganz und gar nicht. Doch wir wurden/werden dadurch flexibler. Wir sehen mehr Möglichkeiten als nur unsere eingefahrenen Wege. Wir gehen erfolgreicher unseren Aufgaben nach, sind insgesamt zufriedener, glücklicher und haben einfach wieder mehr Freude. 

Geben Sie sich und Ihren Aufgaben, egal, ob privat oder in der Firma, die Chance, es täglich ein bisschen besser zu machen. Geben Sie sich die Chance, das Potenzial der Welt zu sehen und vor allem Ihr eigenes. Sie sind kein Computer, der ausschließlich mit 0 und 1 arbeitet, also schwarz oder weiß. Sie können alle Farben des Regenbogens sehen, wenn Sie sich dafür entscheiden. 

Und die gute Nachricht zum Schluss: Auf diese Weise werden Sie nie durch eine Maschine ersetzt. Sie sind die beste Lösung für das Problem, das gerade Ihren Weg kreuzt – beruflich wie privat. 

Herzliche Grüße

Gaby S. Graupner