Die Angst vor der Angst

Vorgestern war Sonntag. Wie war Ihr Abend? Haben Sie sich auf die kommende Woche gefreut? Oder haben Sie sich Sorgen gemacht?
Sorgen wie:

„Hat der Chef morgen gute Laune?“
„Schaffe ich es pünktlich ins Büro, obwohl...“
„Ist die Kleine morgen wieder so fit, dass ich sie in die Kita bringen kann?“
„Bekommen wir morgen endlich den wichtigen Auftrag?“

...oder viele ähnliche Fragen und Sorgen.

Sind Sie in der Nacht aufgewacht und konnten nicht mehr schlafen, weil genau diese Fragen sich wie ein Karussell in Ihrem Kopf gedreht und gedreht haben?

Ich kenne diese Art von Sorgen und habe sie viele Male selbst erlebt. Besonders an eine Lebenssituation kann ich mich heute noch gut erinnern. Damals war ich alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern und wurde arbeitslos. Ich lebte mit den Kindern in einem schönen Reiheneckhaus und hatte panische Angst, dieses Haus zu verlieren. 

Ich sah mich regelrecht mit den Kindern unter der Brücke wohnen und uns von Dosenravioli ernährend, wie wahnsinnig bemüht, dass es bloß keiner merkt. Weder der Kindergarten noch die Grundschule. Dieses Szenario drehte und drehte sich immer wieder in meinem Kopf. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen und tagsüber nichts machen, weil ich so müde war. So ging es tagelang. Es war eine Extremsituation. 

Bis mir eines Tages klar wurde: Wenn ich so weitermache und mich vor Sorgen nur noch im Kreise drehe, dann werden meine Ängste zu Wahrheiten. Aber nicht, weil ich meinen Arbeitsplatz verloren hatte, sondern weil ich mich vor lauter Angst nur noch im Kreise drehte. 

Als mir das klar wurde, fing ich an, nach Lösungen zu suchen. Im ersten Schritt nach Lösungen, um aus diesem Gedankenkarussell wieder herauszukommen. Die Lösung fand ich in einem Buch von Dale Carnegie: „Sorge dich nicht, lebe!“

Dale Carnegie gab mir damals den Rat: „Mache dir einen Plan B. Stelle dir vor, was das Schlimmste wäre, was dir in deiner jetzigen Situation passieren könnte? Und dann überlege, was du tun würdest, wenn es wirklich eintreffen würde.“

Ich stellte mir also eine Reihe von Fragen:

Frage 1: Was passiert, wenn ich meine Miete wirklich nicht mehr bezahlen kann?
Antwort: Ich muss ausziehen?

Frage 2: Ist das das Schlimmste, was mir passieren könnte?
Antwort: Nein, das Schlimmste wäre, dass ich keine andere Wohnung bekomme?

Frage 3: Muss ich dann unter der Brücke wohnen?
Antwort: Nein, ich gehe zum Wohnungsamt und beantrage eine Sozialwohnung.

Frage 4: Ist das das Schlimmste, was mir passieren kann?
Antwort: Nein, das Schlimmste wäre, dass ich eine viel zu kleine Wohnung in einer Gegend bekomme, wo ich auf keinen Fall jemals wohnen wollte.

Frage 5: Kann es noch schlimmer werden? Müsste ich dort für den Rest meines Lebens bleiben?
Antwort: Nein, irgendwann finde ich wieder eine Arbeit und dann kann ich wieder umziehen.

Frage 6: Stirbt dadurch jemand?
Antwort: Nein.

Frage 7: Wird deshalb jemand ernsthaft krank.
Antwort: Nein.

Abschlussfrage: Was ist dann also mein Plan B?

Wenn ich es nicht schaffe, in kurzer Zeit soviel Einkommen zu generieren, dass ich mir unser Reihenhäuschen weiter leisten kann, kümmere ich mich vorübergehend um eine Sozialwohnung. Ich konsolidiere meine Situation und suche später wieder ein Häuschen oder eine Wohnung in einer Größe und Gegend, in der es mir und den Kindern gut gefällt. 

Ich habe meinen Plan B nie gebraucht! Aber diese Art der Fragen hat mir auch später immer wieder geholfen, mich nicht vor Angst verrückt zu machen, sondern zwischen realen Problemen und meinen Ängsten zu differenzieren. 

Es gibt aus den meisten schwierigen Lebenssituationen einen Ausweg. Manchmal, wenn wirklich kein Ausweg zu sehen ist, hilft es, einige Schritte wieder zurückzugehen. Back to the Basics! Wenn Sie neue Kräfte getankt haben, wieder gestärkt nach vorn zu gehen. Das kostet oft Überwindung, auch dass wir in dieser Situation andere um Hilfe bitten. Doch das ist erlaubt. Im Grunde genommen, sogar erwünscht. Denn unsere Art zu leben, sozusagen im Rudel, ist genau deshalb entstanden. Weil wir gemeinsam stärker sind. 

Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten und springen Sie über Ihren Schatten, indem Sie sich die oben genannten Fragen mit der Abschlussfrage stellen und indem Sie überlegen, wer aus Ihrem „Rudel“ Ihnen helfen könnte. Irgendwann sind dann Sie wieder der Helfer oder waren es wahrscheinlich schon oft.

Viel Erfolg beim Schattenspringen,

Gaby S. Graupner